2018: Großglockner II

- 13 Jahre nach "meiner Erstbesteigung":
2018 hatte unser Enkel Lucas alle Voraussetzungen beisammen um den Gipfel dieses Berges zu erreichen. Meine Frau Karin musste und wollte mit, vielleicht, um mich vor Leichtsinn zu bewahren.
Nichtsahnend von folgender Pressemitteilung organisierte ich diesen Aufstieg…

Eine 80 Jahre alte Osttirolerin wurde am Donnerstagvormittag (19.07.2018) bei einem Alpinunfall auf dem Großglockner tödlich verletzt. Die Frau war gemeinsam mit einem Bergführer (66) von der Adlersruhe über den Normalabstieg in Richtung Stüdlhütte/Ködnitzkees gegangen.
Kurz nach 9 Uhr wollten die beiden unterhalb des sogenannten „Kampele“ in einer Seehöhe von etwa 3200 Metern auf dem dortigen Felsbereich absteigen. Die 80-Jährige ging voraus und wurde dabei vom Bergführer gesichert. Aus unbekannter Ursache stürzten die beiden dann rund 15 Meter weit über teils senkrechtes Felsgelände auf das „Ködnitzkees“ ab.
Die Frau wurde dabei tödlich verletzt, ihr Begleiter erlitt Verletzungen unbestimmten Grades. Der Mann wurde mit dem Notarzthubschrauber ins Krankenhaus Lienz geflogen. (TT.com)

Wenn Karin davon geahnt hätte…
Zur ursprünglich geplanten Termin bekam ich weder einen Bergführer noch eine Übernachtung in der „Adlersruhe“. Dann bot uns das Bergführerbüro den 10. August an und der passte.
Am Mittwoch klingelte der Wecker um 4:45 Uhr. Alles war vorbereitet und so verließen wir Frauenstein pünktlich um 5:30 Uhr, ohne Frühstück.
Die Straßen waren frei und wir kamen über Siebenlehn, Chemnitz schnell nach Nürnberg.
Zwischendurch machten wir Frühstückspause und spürten, dass es wieder ein heißer Tag werden würde, wie schon 4 Wochen lang – um 30°C (in Frauenstein) – und ohne Niederschlag.
Es gab keinen Stau in München oder Garmisch und so waren wir 12 Uhr in Leutasch.
Nach einer Rast fuhren 13:30 Uhr in Richtung Glockner weiter.
Mit Maut für die Autobahn, für den Felbertauerntunnel und für die Kalser Glocknerstraße erreichten wir 17 Uhr den Parkplatz am Lucknerhaus mit dem Glocknerblick. Vom Glockner war nichts zu sehen, aber es war sehr warm als wir uns 17:10 Uhr mit unserem Gepäck in 1920 mNN auf den Weg zur Stüdlhütte machten. 3 Stunden standen auf dem  Wegweiser, also normalerweise kein Problem, oben noch Abendessen zu bekommen.
Im Vorfeld hatte mir der Hüttenwirt Matteo Essen bis 21 Uhr zugesichert. So stapften wir bei 26°C bergan, vorbei an der Lucknerhütte, wo man auch übernachten kann.
Dann knickte die rote Markierung nach links ab und stieg stärker bergan
Ausgerechnet dort gab es einen Pfad, der vorläufig im Tal verlief und den man bis auf den Grat einsehen konnte, auf dem sich Bergsteiger bewegten. Aus der Erinnerung von 2005 folgte ich diesem aber nicht.

Richtig, wie sich zeigen sollte. Lucas war schon weit voraus, nachdem wir uns an den Seilen der Versorgungs-bahn orientiert hatten. Schließlich sah Karin als Erste die Stüdlhütte hoch oben am Fels kleben.
So sieht es jedenfalls aus, wenn man die Hütte zum ersten Mal sieht.
19:30 Uhr, also wesentlich früher als vorgegeben, erreichten wir die Hütte. Lucas war noch 20 Minuten schneller.
In der Fanatscharte, dem Beginn des Stüdlgrates, steht die nach Johann Stüdl benannte Berghütte auf 2802mNN.
Stüdl ließ die erste Alpenhütte 1868 bauen, finanzierte sie, gründete 1869 den Deutschen Alpenverein und organisierte 1873 die Zusammenlegung mit dem Österreichischen AV. Er war faktisch der Urvater aller Alpenvereinshütten.
Die Hütte im heutigen Zustand wurde 1996 fertiggestellt.
Alles Weitere verlief problemlos. Wir bekamen hauseigene Hüttenschuhe, bezogen unsere Lagerplätze, machten uns frisch und gingen zum Abendessen.
Für Übernachtung und Halbpension zahlten wir rund 190 €, da wir keine Alpenvereinsmitglieder sind. Das Essen war in Buffetform und wohlschmeckend. Nachdem wir noch einige Zeit geplaudert hatten, machten wir uns bettfertig und lagen pünktlich zur Hüttenruhe um 22 Uhr in unseren mitgebrachten Hüttenschlafsäcken. Aber die hätten wir uns auch ausleihen können, gebührenpflichtig.
Die Nacht war trotz der Höhenlage gut, wenn auch Schnarcher dabei waren – aber mit Oropax kein Problem.
Früh am Morgen standen die ersten Bergsteiger schon auf, 5 Uhr. Das war die erste Gruppe, die den Großglockner von hier aus bezwingen wollte, wie Maik mit uns 2005. Wir standen 6 Uhr auf, denn Frühstück gab es nur bis 7 Uhr gegen die Marke, die wir am Vorabend bei der Bezahlung erhalten hatten. Auch das Frühstück war gut und passte zum Niveau der Hütte.
Dann packten wir, verließen unser Lager und deponierten die Rucksäcke. Es war ein sonniger Morgen, aber die Temperatur war zum Draußensitzen noch zu kühl. Ich hatte Probleme mit den Bergschuhen.  Sie drückten meine Füße, die sonst so robust sind. Auf ebener Strecke hatte ich sie schon „eingelaufen“, aber gestern gab es doch Druckstellen. So probierte ich mit und ohne Einlagen, mit dicken und dünnen Socken und fand schließlich, dass es ohne Einlagen und mit dicken Socken am besten ging, trotzdem nicht optimal. Ich stieg dabei ein Stück zum Stüdlgrat hoch, testete und machte Fotos.
So auch ein Bild mit sehr kleinen Edelweißblüten. 11 Uhr machten wir Mittag. Wir Hengste aßen 2 verschiedene Suppen und Lucas einen riesigen Kaiserschmarren. An ihm versuchten sich alle drei, lecker und sättigend.

Am Vortag hatten wir erfahren, dass unser Bergführer Reinhold heißt und zwischen 12 und 13 Uhr uns hier treffen würde. 12:20 Uhr kam er, nannte sich Reini und lud uns ein, unsere Ausrüstung entgegenzunehmen. 
Das waren Steinschlaghelm, Klettergut (Sitzgurt) und Steigeisen - alle im Preis für die Führung inklusive. Schneller als gedacht waren wir startbereit und so starteten wir nachdem wir die obligatorischen Seilschaftsbilder gemacht hatten um 12:50 Uhr in Richtung „Adlersruhe“:

 


Diese Hütte trägt auch noch den Namen von Erzherzog Johann und liegt auf 3454mNN. In 2,5 Stunden sind wir oben, meinte Reini. Aber es kam anders. Karin und ich sind keine Kletterer, wir sind sehr vorsichtig geklettert, das nach meinem Sturz im Tunnel noch verständlicher. Das Laufen in Schnee und Eis mit Steigeisen geht dagegen viel leichter und schneller.
Als wir den Gletscher Ködnitzkeeses überschritten hatten, bemerkte ich die Veränderungen zu 2005:
Der Gletscher war um 10 Meter in der Dicke geschrumpft und dafür gab es Kletterpassagen, die Grad 2 bedeuteten, also nichts mit „leichter Berg“. Aber wir schafften auch dies.

Dann setzte im letzten Tal auch noch leichter Regen ein, nur Lucas dachte an Regenjacke und Rucksackplane. Alle anderen hatten dann nasse Sachen und einen durchfeuchteten Rucksack, nur gut, dass alle Sachen zusätzlich in Plastebeuteln steckten.
Als wir 16 Uhr an der Hütte anlangten, waren wir erst einmal erleichtert.
Lucas lächelte, ihm hat das Kraxeln nichts ausgemacht.
Mir lief die Brille an und ich sah erst einmal gar nichts, dann nahm ich sie ab – aber lesen geht so gar nicht. Karin musste ran, bezahlen usw..
Bei den hier fälligen 160 € zählte Lucas als Jugendlicher!
Dann bezogen wir unsere Lager, versuchten die nassen Sachen zu trocknen und uns zu waschen. Waschen ohne Wasser – also nichtwaschen und auch die Zähne hatten Ruhe vor den Bürsten. Nur beim Toilettenbesuch gab es Desinfektionsmittel.
Alle saßen im großen Speiseraum, wärmten sich und warteten auf das Abendessen. Ich machte noch einige Fotos an allen Stellen, die gerade nebelfrei waren. So erwischte ich einen Teil des Schneefeldes für den Folgetag, das Kitzsteinhorn ohne jegliche Wolken und auch den Blick ins Tal von Heiligenblut, die Kärntner Seite des Großglockners.
Wo ist die Pasterze, der riesige Gletscher der letzten Besuche? Abgetaut, pro Jahr um die 40 Meter!
Lucas sieht wenigsten jetzt noch, was es heißt, Gletscher zu sein!
Die „Erzherzog-Johann-Hütte“ wurde 1880 errichtet und nach dem Bruder des Österreichigen Kaiser benannt. Johann war u.a. auch Alpinist.
Die Nacht war auch ganz brauchbar.
Wieder standen die Ersten um
5 Uhr auf. Dieses Mal waren auch wir dabei.
Ohne Waschen geht es schnell. Anziehen, Betten machen,
danach Gurt anlegen, Schuhe anziehen und den Beutel mit nicht benötigten Utensilien deponieren.
Unsere nassen Sachen hatten wir am Ofen im Essensraum getrocknet und so waren wir noch vor dem Frühstück abmarschbereit.
5:30 Uhr gab es Kaffee oder Tee, 2 Scheiben Brot mit Butter und Marmelade oder Wurst – mir war das egal, so aufgeregt wie wir waren. Reini hatte gesagt, die Kletterei wird nicht so schlimm und er rechne mit 7:30 Uhr auf dem Gipfel und 9 Uhr wieder in der Hütte zum Kaffee.
Karin glaubte das und machte sich mit uns um 6 Uhr und angelegten Steigeisen auf den Weg.
Es waren 100 Meter auf Felsplatten, dann ging es auf das Schneefeld. Wir sahen einen leichten Sonnenaufgang über dem Kitzsteinhorn, aber immer wieder Wolkenschwaden. Würde das Wetter aushalten, schöner oder schlechter werden?
Das Schneefeld wurde steiler und endete an einem Felsen, Stöcke ablegen und mit den Steigeisen hochklettern. Nicht weit, aber es gab kaum Tritte und da war es mit den Eisen schon besser.
 

Erst nach dieser Kletterpassage wurden auch die Steigeisen abgelegt und die Kletterei fortgesetzt, nicht so extrem wie am Vortag aber trotzdem belastend, immer zwischen Angst und Hoffnung auf den Gipfel.
Dann erreichten wir den Kleinglockner und es begann leicht zu schneien, aber nur ganz wenig.
Karin machte den Vorschlag, hier bleiben zu wollen.
Aber Reini sagte: „Alle oder Keiner!“
Als Karin Lucas´ enttäuschtes Gesicht sah, gab sie sich einen Ruck. Und ausgerechnet da kam ein Bergführer mit Gästen zurück und meinte: „Kannst´ umdrehen, hinter dem Glockner steht eine schwarze Wand“. Aber Reini hatte seine eigenen Erfahrungen und wir stiegen in die Scharte ab und zum Gipfelkreuz empor, das nun schon zu sehen war.

8:15 Uhr gratulierten wir uns gegenseitig zum Erreichen des Gipfels und machten Fotos von uns und den gespenstisch unter uns liegenden Bergketten.


Diesen Blick hatte auch der letzte sächsische König, Friedrich August, als er am 2. August 1910 von der Stüdlhütte aus den Berg erklomm. Allerdings hat er damals im Schnee gestanden! In der Stüdlhütte gibt es von ihm ein Bild und eine Widmung von ihm.

Dann zündete sich Reini die Gipfelzigarette an und wir hatten Zeit sichernde Kniebandagen u.ä. anzulegen.
Anschließend ging es zurück. Bergabklettern geht auch nicht schneller. Ich sehe die Tritte schlechter, habe aber weniger Kraft aufzuwenden.
So erreichten wir 10:30 Uhr wieder die „Adlersruhe“, tranken einen Kaffee, packten die Rucksäcke neu und weiter ging es.
Die letzten 10 m Kletterpassagen vor dem Erreichen des
Schneefeldes waren nochmals heftig im Abstieg.
Unweit der Hütte kommt rechts der Gletscher hoch, den wir gestern schon nicht benutzt hatten, aber Leute gesehen hatten – die Stelle, die die alte Dame benutzt hatte und danach zu Tode gestürzt war.
Die Schinderei für uns zwei Alte hatte bald ein Ende.

Der Schnee war jetzt weich und wir gingen ohne Steigeisen weiter, überquerten die Schotterstellen auf dem Blankeis und erreichten um
13:15 Uhr die Stüdlhütte.
Dort aßen wir zu Mittag und tauschten mit Reini Adresse und Geld.
Dann trennten wir uns 14 Uhr.
Reini ging schnell voraus, Lucas folgte ihm in angemessenem Abstand, dann kamen wir zwei Alten.
Die Knie bzw. die Oberschenkel bestimmen über die Geschwindigkeit. Ich war auch zu knülle, um schneller laufen zu können. Lange Bergabstrecken haben mir schon immer 2 Tage mit verhärteten Oberschenkeln eingebracht, so auch dieses mal. Richtiger wäre wohl eine Übernachtung hier oben gewesen. 
Nach einiger Zeit kam die „Erleichterung“, alles überstanden zu haben und wir gingen langsam weiter.
Lucas hatte schon den Autoschlüssel übernommen
und war vorausgelaufen. Er war schon 15:30 Uhr unten, ich kam 16 Uhr und weitere 15 Minuten später hatte es auch Karin geschafft.
Straßenmaut und Parkplatz kosteten 14 €, wir bezahlten und fuhren ins angekündigte Gewitter hinein.
Als wir uns im Bergsteigerbüro die Urkunden und den Gipfelschnaps abholten, öffnete der Himmel seine Schleusen. Langsam fuhren wir durch den starken Regen. Nach 30 Minuten wurde der Regen geringer und hörte im Nachbartal gänzlich auf.
Wir erholten uns noch einen Tag in Leutasch und fuhren am Sonntag nach Hause, im festen Glauben, das wird wohl unserletzter gemeinsamer Gipfel gewesen sein. Wirklich ???

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