Der Ostseeradweg 2017
Die Ostsee per Fahrrad abzuwandern stand schon mehrere Jahre zur Diskussion.
Nun sollte Anfang September ein kleines Klassentreffen der EOS „Hans Beimler“ Brand-Erbisdorf in Stralsund stattfinden. Andere Mitschüler wollten die lange Anreise mit einem Urlaub oder einigen freien Tagen verbinden und zu denen zählten auch wir. Der Ostseeradweg wurde realer.
Dafür begann ich schon im Winter zu planen. Nachdem ich von den ersten angeschriebenen Hotels keine Antwort bekommen hatte, fand ich im Internet den Reiseveranstalter „Die Landpartie“. Dort buchten wir und ließen uns die Tour individuell verändern, d.h. ohne Gepäcktransfer, ohne Leihräder und mit zusammengefassten Kurzetappen.
Individuell hatten wir noch einen Zusatztag vor der Anreise direkt gebucht, um Lübeck besser kennenzulernen und den Anreisestress zu minimieren:
In der Vorbereitung hatte ich komplett vergessen, die Reise termingetreu zu bezahlen. Das war aber kein Problem, ich konnte auch noch kurzfristig
(2 Wochen) vor Reisebeginn bezahlen und erhielt trotzdem vor meiner Bezahlung alles Reiseunterlagen und Voucher. Tolles Vertrauen.
Geplant war, mit dem Auto zum Zielpunkt Stralsund zu fahren und es dort bis zum Klassentreffen stehen zu lassen, dann mit den Rädern und der Bahn nach Lübeck zu fahren. 3 Stunden Bahnfahrt und Umsteigen in Rostock und Bad Kleinen waren im Fahrplan der Bahn enthalten. Als ich aber dann die Fahrkarten buchen wollte, baute die Bahn gerade an diesem Wochenende am Streckennetz und wir hätten in 5 Stunden mit viermal Umsteigen rechnen müssen. Also änderten wir unseren Plan und fuhren mit dem Auto nach Lübeck.
Am 26. August, einem Samstag, fuhren wir 8:15 Uhr in Frauenstein ab und waren 15:15 Uhr im Hotel „Zum Ratsherrn“ in Lübeck. Unterwegs hatte es mehrfach geregnet, aber in Lübeck schien bei 23°C die Sonne. Wir stellten unsere Räder und das Gepäck ab und machten uns zum Stadtrundgang auf den Weg. Nach 20 Minuten hatten wir den Bahnhof und danach das Holstentor erreicht.
Wir besichtigten einen Teil der einmaligen Altstadt und genossen den Rundumblick vom Kirchturm von St. Petri den kein Besucher verpassen sollte. Natürlich aßen wir Lübecker Marzipan und als Abendessen leckere Fischbrötchen am Imbiss nahe der Puppenbrücke.
Dann gingen wir zum Hotel zurück und hatten eine gute Nacht.
Am Sonntag waren wir nach gutem Frühstück ab 9:30 Uhr wieder unterwegs in die Altstadt.
Die Kirchen, die wir am Samstag nicht besucht hatten, standen auf dem Programm.
Eine einstündige Schiffsfahrt rund um die Altstadt war sehr schön und interessant und mit 12 Euro pro Person auch noch preiswert. Danach suchten wir das Café „Marzipanspeicher“ auf und labten uns an den Köstlichkeiten.
16:15 Uhr waren wir wieder am Hotel, packten die Radtaschen und schafften das Auto zum Parkplatz am Bahnhof. Für 15 Euro konnte man dort 7 Tage stehen.

Trotzdem traute ich dem Frieden nicht, die Angst vor Diebstahl war nicht ganz zu verdrängen. Danach schlenderten wir wieder durch die Altstadt und suchten einen alternativen Radweg, der nicht durch die Stadt führte. Unser Abendessen bestand wieder aus Fischbrötchen, dieses Mal am Anleger unserer Schifffahrt vom Mittag. Nachdem wir eine alternative Radvariante gefunden hatten, liefen wir  in der Dämmerung zum Hotel zurück.

Der Montag brachte nun den ersten aktiven Radtag. 9:45 Uhr verließen wir das Hotel und brachten die Übernachtungssachen ins Auto. Schnell waren wir am Burgtor und verließen Lübeck.
Bis Travemünde mussten wir den richtigen Radweg mehrfach suchen. Die Bezeichnung der Radwegweiser und die Beschreibung passten nicht so recht zu unserer Auslegung, aber wir schafften das. 11:30 Uhr erreichten wir Travemünde und seine schöne Innenstadt.
Wir nahmen die Fähre und setzten über die Trave. Dann begann das Suchen erneut. Eine Baustelle verdeckte wahrscheinlich einige Hinweisschilder und so verpassten wir den Standort der Viermastbark “Passat“. Danach führte der Radweg an der Steilküste entlang, immer mal mit kurzen, aber steilen Anstiegen versehen. Ein schönes Foto machten wir auf der Seebrücke von Boltenhagen.
Ein folgender Abschnitt war wegen abstürzender Steilküste gesperrt, aber die vielen Spuren am Schild vorbei, machten Karin Mut, trotzdem weiterzufahren. So hatten wir eine sehr schöne Landschaft. Dort hatten wir den Eindruck, der Radweg wird nicht mehr gefördert und vergammelt langsam. Wildwuchs schmälerte die Wegbreite. Nach weiteren 30 Kilometern erreichten wir gegen 17 Uhr Wismar und unser Hotel „Zum Alten Hafen“. Schnell zogen wir uns um, machten einen Stadtbummel und aßen auf dem Marktplatz eine große Pizza, natürlich jeder eine. Nach 87 Kilometern am ersten Tag, waren wir auch etwas geschafft. Wir hatten nicht gewusst, dass Wismar durch den westfälischen Frieden 1648 zu Schweden kam, es immer wieder Kriege mit den Dänen gab und schließlich ein Pfändungsvertrag mit dem Herzog von Mecklenburg nach Ablauf von 100 Jahren Wismar 1903 ins Deutsche Reich zurückbrachte. Die Zeit reichte nicht aus, um uns die gesamte schöne Altstadt anzusehen und so besichtigten wir am nächsten Tag noch bis 11 Uhr diese herrliche Stadt.

11:15 Uhr am Dienstag ging es weiter. Wir machten noch einen Abstecher auf die Insel Poel. Da es dort aber keine Kilometerangaben mehr gab, besichtigten wir nur Hafen und Wehrkirche von Fährdorf, aßen wieder Fischbrötchen und fuhren dann auf den offiziellen Ostseeweg bei Groß Strömkendorf zurück. In Rerik stiegen wir auf den Kirchturm, nachdem Karin FKK-Baden war. Wassertemperatur mit 19°C war für die Ostsee akzeptabel, für mich zu kalt.

Die Frau, die neben Karin am Strand lag, eine Einheimische, bestätigte für den nächsten Nachmittag die angesagten Gewitter und den Starkregen. 18 Uhr bezogen wir nach 61 Kilometern die Tiefgarage für unsere Fahrräder und unser Zimmer. Das „Edison“ in Kühlungsborn war zwar ein 4-Sterne-Hotel, aber unser Zimmer war kleiner als an den vorherigen Tagen in niedersternigen Hotels. Wir machten einen Abendspaziergang und bekamen an der Promenade kein Essen mehr, nur noch Fischbrötchen. Dafür hatten wir an der Seebrücke noch ein näch-tliches Konzert, der gleiche Musiker, der am Vormittag schon die Innenstadt von Wismar unterhalten hatte.

Der Mittwoch sollte nun ein schlechter Tag werden, sagten die Meteorologen, aber die logen schon wieder zu unserem Glück. Wir sollten die 45 Kilometer bei über 30°C trocken überstehen.
8:45 Uhr starteten wir und pausierten in Heiligendamm an der Kleinbahn „Molly“.
Hier trafen sich 2 Züge und es war toll alte Architektur und alte Technik zu fotografieren.
10 Uhr ging es weiter bis Warnemünde. Nach einer Besichtigung der Kirche, einem guten Kaffee am Marktplatz besichtigten wir den „Alten Strom“.
Dann drängte uns das Wetter zur Weiterfahrt. Da wir uns an die Beschreibung halten wollten, fuhren wir 3 Kilometer zurück und folgten der Radwegbeschilderung „Rostock 12 km“. Relativ gut durchquerten wir „Lütten Klein“ und die Rostocker Innenstadt. 15 Uhr standen wir am Steintor vor unserem Hotel „Zur Kleinen Sonne“.
Dann ging das Kulturprogramm wieder los: Stadtbesichtigung, Kaffee und Kuchen, und das alles bei angezeigten 33°C.
Vor unserem Zimmerfenster fuhr die Straßenbahn, bei geschlos-senen Fernstern war es zu warm und schwül – also mussten wir mit Ohrstöpseln schlafen.

Vorher waren wir noch bis zum Dunkelwerden im kleinen Park am Steintor.
Der gemeldete Starkregen kam in der Nacht, allerdings fielen kaum Regentropfen auf den Asphalt.
Als wir bei 20°C am nächsten Morgen erwachten, waren die Fahrspuren der Autos fast abgetrocknet. 
Der Donnerstag war nun der erste Tag, dessen Temperaturen zum Radeln optimal waren. 9:15 Uhr starteten wir nach Warnemünde und hatten uns für den „wilden“ Weg zwischen Wasser und S-Bahn entschieden. Der war mit 10 Kilometern kürzer und auch einfacher zu finden. So standen wir schnell an der Fähre, die uns zum Stadtteil „Hohe Düne“ brachte. Schnell erreichten wir Graal Müritz, Dierhagen und Arenshop. Kaffee und Kuchen gab es ganz lecker im Café in Wieck, nicht im Künstlercafé! 16:15 Uhr erreichten wir nach 79 Kilometern bei 20°C Prerow und unsere Frühstückspension „Haus Kranich“. Wir hatten mittags u.a. Backfisch mit Mayonnaise gegessen, ich den größeren Teil, weil Karin so etwas schlecht verträgt – es war auch nichts Besonderes.
Mir lag das Zeug den ganzen Nachmittag schwer im Magen und so aß Karin allein an der Standpromenade neben der Seebrücke zu Abend, ich trank Kräutertee. Der Tee tat mir gut und wir machten einen ausgiebigen Abendspaziergang zur Erkundung unserer Weiterfahrt.

Den Freitag hatten wir uns aus 2 Kurzetappen zusammenlegen lassen. 9 Uhr starteten wir nach Barth. Diese 20 Kilometer wären eine Tagesetappe gewesen, uns zu wenig. Bis Nisdorf ging alles gut. Dort machten Grünalgen die Wegweiser und eine Übersichtskarte schwer lesbar. Quer über die Halbinsel erreichten wir schließlich nach 73 Kilometern den Strelasund und Stralsund mit unserem Hotel „Am Stadtwald“. Hier sollte später auch ein kleines Klassentreffen unserer EOS-Klassen stattfinden.

Karin brachte mich zum Bahnhof und bereitete sich dann auf den ersten Klassenabend vor. Ein ehemaliger Mitschüler hatte ihr eine Tasche mit Bekleidung mitgebracht, da wir ja unser Auto noch in Lübeck wussten. Dieser Freitag war wieder fahrplantreu mit Umsteigen in Rostock. Leider kam der Zug aus Hamburg mit 30 Minuten Verspätung an und die Rückfahrt nach Bad Kleinen verzögerte sich dadurch. Obwohl der Zug in Bad Kleinen wartete, konnte er die Verspätung nicht aufholen und wir kamen 10 Minuten später in Lübeck an. Diese 10 Minuten sollten noch eine Rolle spielen.
Ich holte mir am Imbiss mein Abendessen und setzte mich in den Mokka.
Er war wirklich nicht gestohlen worden. Obwohl ich beim Fahren aß und der Verkehr auch gut lief, kam es zu einem Stau auf der Autobahn. Ein Unfall hatte sich ereignet und die später als 7 Kilometer-Stau genannte Verzögerung bedeuteten für mich 65 Minuten Stopp&Go. Genau diese 10 Minuten hätte ich sollt früher hier sein. So kam ich erst 23 Uhr zum Klassentreffen. Um Mitternacht fielen wir in die Betten und in einen erholsamen Schlaf.

Am Samstag trafen wir uns 10 Uhr am Theater am Olaf-Palme-Platz. Ein Klassenkamerad hatte ein Freund, der Stadtführer war, gebeten, uns in 2 Stunden die wichtigsten Seiten Stralsunds zu zeigen, wo ein Tourist nicht automatisch hinfindet. Also: Stralsund muss man sich unbedingt ansehen!   Wir hatten gerade den Schillgedenktag, d.h. mehrere Uniformierte aus den Armeen der Völkerschlacht waren in der Stadt unterwegs und böllerten gelegentlich auf den öffentlichen Plätzen. Damit wurde die Führung noch attraktiver.
Nach der Führung endete die Veranstaltung am Hafen und, wie könnte es anders sein, bei Fischbrötchen. Während sich alle anderen zum Hotel bewegten, zerrte ich Karin über 366 Stufen auf den Turm der Marienkirche. Ein phantastischer Ausblick auf die Insel war der Lohn.

Von Stralsund aus hat man viele Möglichkeiten, die Insel Rügen zu erkunden.
Bergen, Putbus, Lauterbach mit Essen in der Nautilus, Prora, Sassnitz und ein Abendessen bei Sonnenuntergang in Lohme sind lohnenswerte Punkte.
Ebenso sollte man mit dem Schiff nach Hiddensee  fahren, in Neuendorf aussteigen und dann ca.  8 km bis Kloster laufen.
Bei weiteren Zeitreserven bis zur Abfahrt des letzten Schiffes nach Stralsund läuft man weitere 2 km zum Leuchtturm und weiter zur Steilküste. Die Steilküste ist auf keinen Fall so spektakulär, wie die Kreidefelsen vom Königstuhl.  Gewarnt wird man trotzdem bezüglich abbrechender Randgebiete. 18:30 Uhr landeten das Schiff wieder in Stralsund.

Wer noch einige Schauplätze in Stralsund sucht, sollte die „Arschkerbe“ an der Jakobichorstraße besuchen.
Diesen doch sehr deftigen Namen erhielten früher Gassen, die eng, düster und schmutzig waren. Natürlich wollte kein anständiger Bürger in der Arschkerbe wohnen, deshalb erhielt die Straße im 17. Jahrhundert den eigentlich nichtssagenden Namen Karrenstraße.
Auch nach der politischen Wende erhielt die Straße den Namen Arschkerbe nicht zurück. Nur diese Figur, die das Eckgebäude an der Frankenstraße erklimmt und dabei dem Betrachter den nackten Hintern entgegenstreckt, erinnert an die einstige historische Bezeichnung.


Auch Ralswieck mit dem Störtebeker-Spektakel sollte man besuchen.
Mit einem Feuerwerk dort endet nicht nur die Aufführung, sondern war auch ein schöner Abschluss des Ostseeradweges.

Die Erinnerungen an diese schöne Meerlandschaft und an die leckeren Fischbrötchen stärken den Wunsch, wiederzukommen. Der Radweg geht bestimmt noch weiter...


Ostseeradweg – unbedingt empfehlenswert – aber nicht flach, wie viele denken.



Der Ostseeradweg....
Derzeit hier nur ein Qualitätstest

 


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