Kein 4000er, auch kein 3000er - Die Zugspitze
Vorbereitung für einen 4000er und Belastungsprobe für einen Achtzigjährigen
Karin und ich hatten ihrem Vater zu seinem 80. Geburtstag eine Fahrt auf die Zugspitze, Deutschland höchsten Berg, geschenkt. Hasso ging fast täglich noch 12 Stunden in seinen ehemaligen Betrieb, um dort zu arbeiten. Er war auch körperlich so gut drauf, dass wir meinten, ihm eine mehrstündige Wanderung zumuten zu können. Trotzdem war mir nicht wohl dabei, diese Höhe und diese Anstrengungen? So fuhren Karin, Hasso und ich in unserem Seat „Toledo“, unsere Bergfreunde und erstmalig auch mit meinem Arbeitskollegen Uli im „Passat“ nach Bayern. 15 Uhr war Start vor dem Freiberger Krankenhaus. 20:15 Uhr standen wir an der Hotelrezeption. Am rauschenden Hammersbach schliefen wir ziemlich gut und am nächsten Morgen ging es in Richtung Höllentalklamm, Hasso`s erste Bewährungsprobe.

     

Entlang des Baches ging es 45 Minuten mit zwei doch etwas längeren und steileren Passagen bis zum Beginn der Höllentalklamm. Hasso versuchte mitzuhalten. Aber er merkte bald, dass wir uns trennen sollten und so verabschiedeten wir uns für diesen Tag. Karin blieb bei ihrem Vater, wir stiefelten voraus. So dachten wir.
Am Eingang der Klamm war ein WC und während wir noch warteten, hörte ich Karins Stimme. Die beiden hatten die 5 Minuten Rückstand aufgeholt. Hasso sah immer noch topfrisch aus und er ging die nächsten 45 Minuten durch die Klamm mit, wenn auch in seinem Tempo.
Wen sahen wir, als wir am Ende der Klamm unsere feuchten Sachen wechselten? Hasso und Karin kamen und sie begleiteten uns bis zur Höllentalangerhütte. Hasso der Bergwanderer-wenn ich ihm schon viel zugetraut habe, er überraschte mich ein weiteres Mal.

 
Nach 2 Stunden wanderten die beiden zurück und kamen gut gelaunt und begeistert von der Landschaft am Hotel an. Am nächsten Tag hatte Hasso ein wenig Muskelkater, aber sonst hatte er die Anstrengungen einfach so weggesteckt.
Wir trennten uns am Nachmittag. Unsere Bergfreundin hatte vor wenigen Wochen einen Unfall und in dessen Folge einen kranken Fuss. Für sie sollte diese Tour eine Bestandsaufnahmen sein, wie fit sie schon für die Dufourspitze sein würde. So schonte sie ihren Fuß, der Rest unserer Seilschaft wanderte zum Einstieg in den Klettersteig zur Zugspitze. Nach zwei Stunden waren wir zurück, aßen ein Stück Kuchen und tranken einen Kaffee. Nach einem aus Leberkäs und Kartoffelbrei bestehenden Abendessen genossen wir noch die Abendsonne, schwatzten und gingen gegen 22 Uhr auf unser Matratzenlager. Eng war es, vielleicht 70 Zentimeter blieben für jeden. Also kein Platz, um sich zu drehen. Ich hatte das „Oropax“ vergessen und so hörte ich einen leisen und einen lauten Schnarcher, keine schöne Nacht für mich. Da es aber so eng, war musste ich auf dem Rücken liegen und wurde von Uli mehrfach durch anstoßen aus der Schnarchlage heraus bewegt. Laut muss es nicht gewesen sein, aber auch leises Schnarchen stört.
Gegen 5 Uhr hielt es uns nicht mehr im Bett, wir standen auf und packten zusammen. Dann warteten wir auf unser Frühstück. Das sollte es planmäßig um 6 Uhr geben. 10 Minuten vorfristig nahmen wir ein großes oder kleines Frühstück ein, ich hatte ein Müslifrühstück und das sollte den ganzen Tag aushalten.

   

Wir begannen um 6:40 Uhr unseren Klettersteig zur Zugspitze. Am Himmel war keine Wolke zu sehen, die ersten Sonnenstrahlen, die über die Berge kamen, tauchten die Zugspitze und den Jubiläumsgrat in ein helles Licht. Nach 40 Minuten legten wir unseren Gurt an und nehmen die Sicherungskarabiner erstmalig in die Hand. Wenig später kam das erste Stück, wo wir uns einhängten, wir waren am „Brettl“. Dieses glatte Plattenstück schließt das Höllental ab. Wir haben nirgends diese Sicherung in Anspruch genommen, aber so gab es zumindest mir die Sicherheit, die ich brauche. Sonst wäre ich wohl nicht hier entlang gegangen, mein Hasenherz hätte „Nein“ gesagt.
Es dauerte nicht lange, dann kamen wir ohne weitere Sicherungen zum „Grünen Buckel“. Er war mit etwas Gras und Moos bewachsen und bot einen schönen Rückblick in Richtung Hütte, aber auch auf die Alpspitze und das Gletscherfeld am Fuße der Zugspitze. Noch erschien der Gletscher klein und flach. Das änderte sich, als wir am Gletscherrand unsere Steigeisen anlegten. Wir hatten uns gerade geeinigt, uns nicht anzuseilen, weil es keine andere Gruppe gemacht hatte, da passierte es.
Meine Bergfreunde waren schon einige Meter vorausgestiegen und Uli war ihnen gefolgt. Ich machte drei Schritte auf den Gletscher, rechts eine kleine Spalte, links eine andere. Plötzlich versank mein linkes Bein in einer verdeckten Spalte, ich steckte 80 Zentimeter im festen Schnee, und hatte meine Probleme wieder herauszukommen. Uli kam zurück. Er fotografierte mich und gab mir die Hand. So konnte ich mich aufrichten und den Fuß nach oben ziehen.

   

So klein erschien der Gletscher jetzt nicht mehr. Er war auch etwas steil, aber es gab kein Blankeis, die Steigeisen waren mehr Sicherheit als notwendig. Warum sollten wir uns nicht sichern, wenn wir die Dinger schon mitgeschleppt hatten. Es war schon nicht angenehm, ein Seil mitzuschleppen das nicht benötigt wurde. Ich hatte es zwar am Vortag bis zur Hütte getragen, aber mein Bergreund trug es heute auf dem wohl schwierigeren Stück. Allerdings wollte er es auch nicht an Uli oder mich weitergeben- wir wollten alle unsere Kräfte mit ihm teilen, er hatte aber genug Kraft. Schließlich hatte er mir erst am Vortag eröffnet, in einer „Nacht-und Nebelaktion“ im Juni die Königsspitze bestiegen zu haben, wo die beiden im letzten Jahr geschwächelt hatten.
Als am rechten Gletscherrand eine aus Eisen in den Fels betriebene Leiter sichtbar wurde wussten wir, jetzt geht es richtig los. Aber die erste Stufe lag unerreichbar hoch. Offensichtlich ist der Gletscher einmal dort oben verlaufen. Jetzt gab es einen neuen Zugang:
Ein loses Stahlseil hing 3 Meter von der Wand herab, der Fels war glattgeschliffen, und ich sollte als erster unserer Seilschaft dort hinauf. Das war der erste Kraftakt. Gleich darauf kam ein Überhang.
Es steckten aller 70 Zentimeter dicke Stahlstifte im Fels, ein Stück höher lag ein in größeren Abständen befestigtes Stahlseil. Unten mit den Füßen Halt suchen, aber den Karabiner einhängen und sich festhalten-so sollte es die weiteren 3 Stunden sein. Gerade an dem Punkt des Überhanges, wo man den Karabiner umhängen musste, fehlte ein Stift, also einen Ausfallschritt machen, mit der linken Hand festhalten und mit der rechten Hand umhängen.

   

Geschafft - ich hatte die anspruchsvollste Stelle des Klettersteiges hinter mir. Der Rest war zwar auch nicht leicht aber nur noch Konditionssache.
Am Ende des Klettersteiges hatte ich keine Kraft mehr in den Armen, ich wartete auf Uli und ließ ihn dann vorsteigen. Sichern war nicht mehr notwendig, und so erreichte Uli als Erster das Gipfelkreuz.
Ich machte von weiter unten noch einige Bilder von der Gipfelpyramide und war dann auch oben.
Meine Freunde kamen kurz darauf auch oben an, und wir ließen uns von einem Turnschuhtouristen auf 2964 Metern Höhe fotografieren.
In Anbetracht der Gipfel, die wir bisher schon bestiegen haben, klingt das unbedeutend, aber gerade in den Anstrengung und der Art unserer Besteigung liegt das Besondere der Zugspitze. Ein Klettersteig, der mit „C-schwierig“ eingruppiert ist, gibt uns die Gewissheit für die Zukunft, auch so etwas durchführen zu können.
Was sich hier am Gipfel an Leuten aus China, Japan, Russland und wer weis wo noch her ablichten lies, ist unglaublich. Das Geländer auf der Plattform war geöffnet und so stiegen Unmengen an Leuten, die mit der Seilbahn heraufgekommen waren die 20 Meter zum Gipfel.
 
  Auch dieser Teil war mit Leitern und einem Sicherungsseil versehen. Wer genug Kraft
  hatte brauchte keine Sicherung. Ich sicherte mich, da ich meiner Armkraft nicht mehr
  zutraute, mich im Falle eines Stolperers zu halten. Wir hatten uns 6 Stunden
  heraufgearbeitet und diese Touristen hatten das gleiche Bild in ihrer Kamera wie wir.
  Karin und Hasso waren mit der Zahnrad- und Gletscherbahn heraufgekommen und
  Hasso konnte sich so langsam an die Höhe gewöhnen. Er hätte bestimmt auch die 
  Seilbahn verkraftet aber ich wollte kein Risiko bezüglich des Kreislaufs eingehen und
  war  froh, dass die beiden meinem Vorschlag gefolgt waren. Ich spendierte meinen
  drei Mitbesteigern einen Liter Mineralwasser, das ich auf den Berg getragen hatte.
  Mir selbst hatte ein Liter für diesen Aufstieg genügt.
  Dann ging es mit der Seilbahn zu Tale.
  Wir hatten Glück, denn wenige Minuten später wurde die Wartezeit erheblich länger,  
  Platzkarten wurden ausgegeben.
 
  Wieder an unserem Hotel angekommen, zogen wir uns um und platzierten uns im 
  Gartenlokal des Hotels am Hammersbach. Es gab leckere Leberknödelsuppe,
  Erdbeertorte, Kaffee und Radler. Andere aßen und tranken noch mehr, eben ein
  richtiges Bergfest.
 
  Stolz auf unsere Leistungen und froh über das herrliche Wetter machten wir auf die
  Heimfahrt.



Wie konnte es auch anders in Bayern sein: Es gab Stau und Behinderungen auf dem Weg  nach und in München. Vielleicht erleben wir es auch einmal, hier staufrei durchzukommen.
 
Einziger Wermutstropfen dieses Wochenendes blieb die Gewissheit, dass der Fuß unserer Bergfreundin einer solchen Belastung noch nicht wieder gewachsen war.
Wir zwei Männer  mussten die Bergsteigerwoche in der Schweiz wohl ohne weibliche Begleitung durchführen, sie war nicht gipfeltauglich.

Wir hatten mit derZugspitze, dem höchsten Berg Deutschland, einen Berg über einen nicht ganz unschwierigen Klettersteig und einen Gletscher bestiegen und so unseren gesplanten Aufstieg für die Dufourspitze ordentlich vorbereitet. Wir waren geklettert, allerding ständig unter gesicherten Verhältnissen. Würde das genügen?
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