2005: Cevedale, Weißkugel, Großglockner

2005: Cevedale, Weißkugel, Großglockner
 

Einstieg ins Bergwandern im "Ewigen Eis"
Bei unseren mehrmaligen Campingurlauben im Martelltal hatte ich mehrfach den Wunsch, den Cevedale, einen der vergletscherten Berge Südtirols, zu besteigen. Wenn da nicht immer von alpinistischer Erfahrung geschrieben worden wäre.
Dann erzählte ein Tanzfreund, er hätte mit zwei weiteren Bergfreunden schon mehrmals Bergurlaub gemacht. Er erzählte auch vom Vorhaben für 2005. Eine vorsichtige Anfrage, ob man da wohl einmal mitmachen könnte, fand anfänglich keine Erwiderung. Aber dann ergab es doch eine Möglichkeit.
Da ich der Gruppe nicht zur Last fallen wollte, bedeutete das viele Trainingseinheiten.
Der Tanzfreund hatte den Rucksack mit bis zu 12 Kilogramm Gewicht erwähnt und das schien für mich nicht machbar. Als ich meinen Rucksack zum ersten Mal mit 8 Litern Wasser belud, dachte ich, ich falle um. Aber nach 10 Minuten hatte ich mich an das Gewicht gewöhnt.
So stieg ich im Mai in ein regelmäßiges, selbst erdachtes Training ein.
Einmal pro Woche machte ich eine 2-stündige Wanderung mit 8, dann 10 und am Ende 12 Kilogramm im Rucksack und eine Radtour. Die Radtour bestand aus 35 Kilometern Bergstrecke zu bzw. von meinem Arbeitsort, ganz schön schweißtreibend.
Wanderseitig trainierte ich oft mit meiner Ehefrau. Sie walkte und ich lief mit dem schweren Rucksack mit, immer am Leistungslimit. Der Pulsmesser erreichte in der Spitze schon mal 170 aber in der Regel nur 140.
Wo sollte ich die entsprechende Zeit für das Training hernehmen, bei den Hobbys und den Verpflichtungen?
War schönes Wetter, musste ich den Rasen des Grundstücks mähen, immerhin fast 800 Quadratmeter. Not macht erfinderisch. So mähte ich den Rasen mit 12 Litern Wasser im Rucksack, das 2 Stunden lang. Den Nachbarn und Bekannten kam das komisch vor, aber sie hatten ein Einsehen. Es kam der August und mit ihm der Bergtermin, aber auch ein Jahrhunderthochwasser in den Alpen. So einigten wir uns, den Termin zu verschieben. Erst am 30. August konnte die Straße von Landeck nach Reschen wieder befahren werden.
Es kam der 2. September 2005, es soll eine anstrengende Bergwanderwoche werden.
Was mich erwartet, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Reizt mich immer noch das Abenteuer, das Ungewisse?
Ich dachte, diese Eigenschaft in den letzten Jahren abgelegt zu haben, aber ... "wehe, wenn sie losgelassen".
Wir, d.h. mein Tanzfreund, dessen Freund und ich fuhren in die Berge der Alpen, nicht um zu wandern, sondern um Gipfel zu stürmen. Der Tanzfreund war der planerische und auch technisch der „Kopf“ der Gruppe. Für mich also der „Chef“. Das zweite Mitglied war für mich „Willi“.
Ich, der Angsthase, wenn es um freihändiges Stehen auf einer Leiter geht, wollte mehr als nur Bergwandern - und meine Frau tolerierte das auch noch.
So fuhr ich zum Tanzfreund, stelle meinen kleinen "Clio" auf den Garagenplatz und sehe diskret weg, als sich er sich von seiner Frau verabschiedet.
Auch hier spielt "Sei vorsichtig" die Hauptrolle. Ich hatte das schon dreimal gehört, seitens Karin und meinen beiden Töchtern. "Du wirst noch gebraucht".
Dann holten wir unsern dritten Bergsteiger ab, gegen 8 Uhr war Abfahrt in Brand-Erbisdorf.
Über die Bundesstraße ging es bis Chemnitz und dann über die Autobahn nach Hof, Regensburg und die Inntalautobahn, vorbei am hochwassergeschädigten Pfunds zum Reschenpaß.
In Sulden kamen wir gegen 17 Uhr an, bezogen bei Herrn Wieser im Hotel "Mignon" unsere Zimmer. Der Chef und ich teilten uns das Bad, schnarchten aber in getrennten Räumen.
Vor meinem Fenster war ein Balkon mit üppigen Blütenpflanzen und mit freiem Blick auf
das Dreigestirn "Königspitze-Zebru-Ortler".

    
  
 
Dabei waren die Preise für Übernachtung inklusive Halbpension für 55 €uro pro Person und moderaten Preisen für die Getränke sehr angenehm. Vom Hauptgericht des Dreigängemenüs konnte ich sogar abweichen und von Forelle auf "Kaiserschmarrn" umschwenken, einfach köstlich.
 
Am 3. September wollte ich eigentlich um 7 Uhr aufstehen, aber ich wurde erst munter als der Bergfreund aus dem Bad kam, also schnell unter die Dusche und keine Seife an die Füße lassen, Blasengefahr.
Eine alte Wehrwachsweisheit von meinem Vater, die mir schon während der Armeegrundausbildung in Zwickau und als Reservist in Bad Frankenhausen geholfen hatte, lautet: "2 Tage vor einem Marsch Füße nicht mit Seife waschen und auf keinen Fall weichen lassen - keine frischen Socken, dafür aber dicke Socken tragen".
Ich hatte auch in dieser Woche keine Probleme damit. Nur am letzten Tag beim Abstieg von der Stüdlhütte waren die Schuhe zu locker geschnürt. Das brachte beim Bergablaufen Druck auf den Zeh, der dann doch eine Blase bekam.
Nach einem guten Frühstück, u.a. mit Fenchelbrot, fuhren wir mit dem Auto zur Talstation des 2er Kanzellifts. bergsteigerunfreundliche Öffnungszeiten, denn die früheste Abfahrt fand erst 8:30 Uhr statt. Der Sessellift brachte uns ein großes Stück über Bäume hinweg an den Rand der Knüppelholzzone. Willi, mein ehemaliger Mitlehrling, definierte die ersten Vögel, denn wir waren auch vogelkundig optimal besetzt.
Als der Rosimgletscher in weiter Ferne auftauchte, kam auch die Sonne hervor und wir mussten unseren Sonnenschutz aufbringen, 30ger und die Ohren nicht vergessen.
Aber ich vergaß die Nasenspitze und die Übergänge im Gesicht zum Bart - das wurde dort ein wahrhaftiger Sonnenbrand.
30 Minuten späten quälten wir uns am Gletscherbruch durch den Schutt und legten anschließend Steigeisen und Seil an. Der Chef war ein sehr umsichtiger Gruppenführer, er schleppte 2,5 Kilogramm Seil mit 50 Metern für uns, ich im Ausgleich dazu ein Kilogramm Kamera und Fotoausrüstung. Nach 4 Stunden beendete Willi seine Eingangstour, er machte es richtig. Karin hätte ihm Beifall gespendet und den Chef und mich ermahnt: "Am ersten Tag übernimmt man sich nicht".

   
 
Der Chef wollte auf den Gipfel, wo er schon einmal war. Und ich wollte auch, die Vertainspitze lockte doch allzu sehr.
Nach 50 Minuten standen wir oben und genossen das Bergglück, eine herrliche Rundumsicht zu haben. Die Wolken begannen sich zu verdichten, es war schon 14 Uhr. Plötzlich fielen 4 riesige Schneeflocken, wie früher bei der "Deutschen Reichsbahn" um Hektik zu erzeugten. Also schnell wieder zurück, ein Unwetter in diesen Höhen muß man nicht erleben. Aber das Kraxeln durch die Steine dauerte doch etwas länger und so hatten wir dann Bedenken, die letzte Seilbahn noch zu erreichen.
Als wir den Rosimgletscher verlassen hatten, gab es noch einige Tropfen Regen. Aber das Gewitter zog an uns vorüber und machte das Gebiet der Schaubachhütte nass.
So kamen wir, fast im Dauerlauf, nach 3 Stunden, gerade noch rechtzeitig um 16:45 Uhr an der Kanzel an und erreichten zu 17 Uhr die letzte Bahn. Weitere 90 Minuten Abstieg wären für uns auch nicht gut gewesen. Bald saßen wir zufrieden beim Abendessen und schmiedeten Pläne für die nächsten 2 Tage, für Cevedale und Königspitze.
 
Am 4. September ab 7 Uhr wieder das morgendliche Ritual. Da das Hotel schwach belegt war, konnten wir unsere Sachen im Zimmer lassen, falls wir doch noch eine Übernachtung benötigten.
Dieses Mal ging es in 10 Minuten zu Fuß über die Weide zum Schaubachlift, einer Gondelbahn in die eigentlich 100 Personen passten. Heute waren wir ganze 6 und davon war einer schon der Bahnchef.
Wir sind erst 9 Uhr hochgefahren, mit der zweiten Bahn - man fährt aller 30 Minuten.
Wie gehabt, eine Stunden durch Geröll bis auf den Gletscher, aber dann kam beim Anlegen der restlichen Sicherungstechnik eine Landschaft zum Vorschein, die nicht zu beschreiben ist. Man muss sie einfach selbst sehen.
Gletscher mit Eis und Schnee mit Gletscherspalten und Blöcken, einfach traumhaft. Und dazu der Blick auf Suldenspitze und Königspitze.
Bis 12 Uhr zog sich der Aufstieg gemächlich bis zur Suldenspitze. Wieder eine herrliche Aussicht bis ins Ötztal, auf Cevedale und Königspitze. Dort machten wir Mittags- und Fotopause und sprachen über die Touren zur Königsspitze und die Weißkugel, die von hier auch auszumachen war.

   
 
Langsam, die herrliche Berglandschaft genießend, stiegen wir die letzte Stunde zur Casatihütte ab. Dort angekommen, rätselten wir, ob wir noch zum Cevedale sollten oder erst am nächsten Tag. Der Wirt sagte etwas von 3 Stunden Aufstieg und da entschieden sich der Chef und ich, noch aufzusteigen. Willi machte für uns Quartier in einem 2-Doppelstockbetten-Zimmer mit Blick auf den Cevedale.

 
   
 
Wir machten im Eilzugtempo los. Die Zeit von 15:30 bis 17:20 Uhr für den Aufstieg zum Cevedale war schon Spitze, da wir ohne Rucksack gingen.
Oben angekommen, kamen Wolken, aber wir hatten noch den grandiosen Blick ins Martelltal,
zur Marteller Hütte und den Gletscher, den ich von der anderen Seite schon kannte.
Technische Schwierigkeiten gab es keine, es lag viel Schnee und es war nicht sonderlich warm - also gute Bedingungen zum Steigen, wenn auch die letzten Höhenmeter etwas steiler waren als der vorherige Weg.
Zwei italienische Paare waren schon auf dem Gipfel und so konnten wir uns gemeinsam fotografieren lassen. Dann ging es zurück, wir hatten keine Handschuhe dabei, die wir aber gerne gehabt hätten, denn die Sonne ging unter, der Wind kam auf und es wurde etwas kälter.
Um 18:45 Uhr waren wir wieder an der Hütte. Willi kam uns entgegen und Minuten später war auch hier die Sonne verschwunden, es wurde richtig kalt.
Für 55 € inklusiv Halbpension, Getränke zusätzlich, war das ein guter Preis.
Das 3-Gänge-Menü schmeckte gut und so gingen wir 21 Uhr ins Bett.
Gewöhnung an die Höhe ist ein strittiges Thema, aber wir haben es getestet.
Der Chef, der wohl meinen Fitnesszustand hatte und der konditionell etwas weniger trainierte Willi hatten offensichtlich keine Probleme. Mich aber packte mitten in der Nacht ein mächtiger Kopfschmerz, der mich nicht schlafen lies. Nach 2 Stunden stand ich dann doch auf. Die Betten waren durchgelegen, ein Grauen für einen Bauchschläfer, außerdem ächzten sie bei jeder Bewegung. Licht machen wollte ich nicht, also suchen im Dunklen im Rucksack nach dem Medikamentenbeutel. Eine Taschenlampe hatte ich ja mit, aber wo?
Nach langen Suchen fand ich dann den Beutel und kaute 2 Aspirin. Ich bin dann auch wieder eingeschlafen und am nächsten Tag war alles vergessen.
Ein Denkzettel für weitere Bergtouren:
„Lege den neuen Schlafplatz nur 500 Meter höher - steige vor dem Übernachten noch einige Meter höher, aber auf jeden Fall zurück.“
Wir hatten an diesem Tag zwar 1800 Höhenmeter bis zum Cevedale gemacht, aber der Schlafplatz lag auch 1300 Meter über unserem letzten.
 
Am 5. September wieder gegen 7 Uhr aufstehen.
Danach folgte aber das wohl schlechteste Frühstück meines bisherigen Lebens. Nicht einmal im Feldlager der Armee gab es einfallslosere Kost.
3 Tage altes Brot, sauer schmeckende Butter und 2 Marmeladen lagen auf dem Büffet.
„Deckel drüber“ und nicht mehr an dieses Frühstück denken.

   

Der neue Tag ließ uns dies schnell vergessen.
Eigentlich wollten wir heute auf die Königsspitze, aber das schöne Wetter hatte den Schnee geschmolzen. Es gab viele Blankeis-, Fels- und Geröllstellen und damit eine Steinschlaggefahr, die Josef, unser Bergführer, und wir nicht auskosten wollten.
Wir stiegen gemütlicher zur Schaubachhütte in 2,5 Stunden bis etwa 11 Uhr ab.
Dort haben wir zu Mittag gegessen, das alles in der Sonne. Vor uns der Blick zum Suldengletscher, neben uns die Suldenspitze, hinter uns die Königsspitze, der Zebru und der Ortler, unter uns Sulden - eine Traumlandschaft.
Anschließend sind wir zu Herrn Wieser ins Hotel zurück, haben geduscht, bezahlt und sind dann nach Langentaufers gefahren. Hier, am Ende des Dorfes stellten wir das Auto ab, direkt vor dem Haus des Bergführers, am Ende des Tales, wo wir die Weißkugel besteigen wollten.
Dann ging es gegen 15:30 Uhr über den Weg 3 und 3A langsam, aber in guter Zeit zur Hütte.
In 2 Stunden (Vorgabe 2,5 Stunden) kam uns die Gletscherwelt der südlichen Berge des Ötztales immer näher. Nach jeder Biegung kam ein neuer Gipfel in Sicht, bis wir auch unseren Berg, die Weißkugel, zu sehen bekamen, wenn auch nur die Spitze.
Irmhild, die Hüttenwirtin, empfing uns mit Obstler. Bei Kaffee und frischen Pflaumenkuchen lebten wir uns schnell ein. Wir hatten wieder ein 4-Personen-Zimmer mit Blick auf unseren Berg und sehr gute Betten.
Nach einem tollen Abendessen, auch das Frühstück war hervorragend - alles zum Tagessatz von 55€, warteten wir auf unseren Bergführer.
21 Uhr kam Josef und legte die Frühstückszeit auf 5 Uhr fest. Willi machte wieder einen Ruhetag und ging auf kürzeren Wegen in die Bergwelt.  Unser Chef war schon mehrfach mit Josef Plangger gestiegen. Und auch ich im Nachtrag nur Positives über ihn sagen, ja ich würde ihn unbedingt weiterempfehlen: j.plangger@rolmail.net .

   
 
Der 6. September war einmal ganz anders. Aufstehen 4:45 Uhr, danach Katzenwäsche.
5 Uhr Frühstück. Um 5:30 Uhr konnte man schon unsere Stirnlampen im Geröllfeld sehen.
Josef stieg mit traumhafter Sicherheit voran, wir ahnten nicht, über welche Gletscherbrücken wir gingen.
Um 6 Uhr gab es die erste, wenn auch kürzeste Rast: Lampen aus, Seil an und weiter. Um 7 Uhr wurde es ernst, die Steigeisen wurden angelegt und es ging um bzw. über Gletscherspalten zur Schwarzen Pyramide hinauf. Die Landschaft war auch hier traumhaft.
Sehr interessant, der Tag löst die Nacht ab und die Sonne kämpft sich durch die Wolken.
Gegen 9 Uhr standen wir am Übergang zum Nordgrat.
Hier sollen wir hoch? Suchend schaue ich ins Gesicht vom Chef. Es verrät nichts Zuversichtliches, also hat er bestimmt auch solch eine innere Stimme, die zweifelt und antreibt. Der Grat sieht aus wie ein Pferderücken, rechts und links geht es nur viele Meter weiter in die Tiefe.
Es geht los, Josef steigt 60 Meter voran. Wir stehen und sollen ihn sichern, falls er fällt.
Aber er fällt natürlich nicht. Er setzt eine Eisschraube, hängt das Seil ein.
Ich komme nun an die Reihe hochzusteigen, 5 Meter hinter mir steigt der Chef. Er muss noch darauf achten, dass das Seil straff bleibt, für den Fall, den wir lieber nicht hätten. Jetzt 45% Steigung. Und das auf 4 Seillängen zu je 60m.
Die erste Seillänge ist geschafft, aber auch der erste Abschnitt mit Frontzackentechnik und Eispickel. Jetzt weis ich, wozu ein Pickel gut ist, fest ins Eis einhacken, hochziehen, für die Füße sicheren Stand suchen und finden. Dann Pickel lösen, neu einschlagen - 100mal pro Seillänge. Was kommt einem da alles in den Sinn, wenn Gefahr droht, man aber beim Bergführer gut aufgehoben ist?
Ich dachte an die Familie, wie sie wohl ohne mich zurechtkommen würde, sollte ich abstürzen. Habe ich bei der finanziellen Absicherung an alles gedacht?
Ja, ich hatte im Vorfeld, wo ich mir solche Aktionen noch nicht zugetraut hätte, an alles gedacht. Inklusive Betriebsversicherung, die keine gleichartige Betätigung ausgeschlossen hatte.
Ich denke an Vater, sein freihändiges Laufen auf dem Dachfirst mit 70 Jahren, aber auch an seinen Absturz von der Leiter.
Nach der zweiten Seillänge weicht die Angst, ich beginne in die Tiefe zu sehen, schaue zurück und nach vorn.
Josef holt sich den Fotoapparat und schießt mehrere Bilder von unserem Kampf mit der
Steigung. Nun ist die Angst vorbei, wir sind aber vorsichtig und genießen die letzten Seillängen bis gegen 10 Uhr das Ende der Eiszeit erreicht ist.

     

Wenige Höhenmeter über den Fels und wir stehen am Gipfel vor einem sehr schönen Gipfelkreuz.
Von 10:15 bis 10:45 Uhr genießen wir das Bergglück. Josef macht Gipfelbilder mit uns,
ich filme und fotografiere in Richtung Simelaun, wo Ötzi gefunden wurde, in Richtung Wildspitze, wo mir der Aufstieg, verglichen mit heute, wie ein Spaziergang vorkommt, und in Richtung Langentaufers.
Die schwarze Pyramide liegt unter uns - dorthin steigen wir nicht ab, sondern den Abstieg über den Ostgrat.
Der Ostgrat ist auch sehr steil, aber überwiegend liegt viel Schnee und so geht es besser.
Es gibt nur wenige Stellen, wo wir über Fels gehen müssen.
Der Chef stieg als erster ab, ich hinter ihm. Nun muss ich darauf achten, dass das Seil straff ist.Hinter uns sichert Josef.
 
Wir sind fast vom Ostgrat herunter, da verschwand mein rechtes Bein komplett in einer Spalte. Nichts weiter passiert, aber ich saß wie in Zement fest, die Steigeisen sind wie Widerhaken. Es ging weiter. Josef zeigte auf einer Spur, wo bestimmt schon 100 Leute gelaufen sind, immer wieder Spalteneinbrüche. Täglich neue - also Vorsicht auch bei Trampelpfaden.

     Das letzte dieser Bilder ist der Blick auf die Wildspitze im Ötztal bei Vent. Dort begann mein "alpines" Bergsteigerhobby 2002, damals sollte es nur ein Abenteuer sind ...

Beim Abstieg über das Geröll spreche ich mit Josef über sie staatliche Selbständigkeit von Südtirol, Verbundenheit zu Deutschland, Österreich und Italien.
Er fühlt sich als Südtiroler mit deutscher Muttersprache, nicht als Deutscher oder Italiener.
Als wir 15:30 Uhr an der Weißkugelhütte ankommen, werden wir wieder mit einem Obstler
empfangen. Es gibt Espresso und Apfelkuchen. Wir sitzen noch eine Stunde in der Nachmittagssonne, sprechen über unsere nächste Tour.
Josef hat Terminprobleme, kann uns nicht weiterführen. Er gibt uns aber Hinweise für den Großglockner, den Dom und den Montblanc. Den Letzteren sollen wir uns für das Folgejahr reservieren. Anfang August ist das besser als jetzt im September. Es sollte auch von Südwesten ein Gewitterband kommen, was uns die Schweiz bestimmt mit schlechtem Wetter vermiest.
Josef stieg danach ab, wir gingen zum Abendessen, Omelette mit Tiroler Schinken - prima.
Also beschlossen wir, am nächsten Tage abzusteigen, zum Großglockner zu fahren und dort einen Bergführer zu finden.
 
Am 7. September erwachten wir schon gewohnheitsmäßig um 7 Uhr. Der Himmel hatte bereits erste Wolken, Vorboten des Niederschlagsgebietes.
Nach dem Frühstück machten wir uns 8:30 Uhr an den Abstieg.
Wir nahmen uns viel Zeit und kamen erst 10:30 Uhr bei Josef an. Er war schon wieder weg, aber seine Frau und Nichte erledigten die Bezahlung von 175 € pro Person. Willi beteiligte sich, obwohl er nicht mit gestiegen war mit 50 €.
Danach ging es über Bozen nach Lienz und nach Kals. Alles Landstraße und das dauerte seine Zeit.
Gegen 15:30 Uhr kamen wir in Kals an, suchten in der Bergsteigervermittlung, die eigentlich nur von 17 bis 19 Uhr geöffnet hatte, einen Bergführer und die Hüttenunterkunft und stiegen in 3 Stunden zur Stüdlhütte 900m höher auf.
Die Ankunft in Österreichs modernster Hütte war gegen 18:30 Uhr, immer noch bei Sonnenschein.
Wir bekamen Lager - Zimmer gab es in dieser Hütte nicht. Aber es gab nur Doppelstockbetten, nicht 3fache, wie in der Breslauer Hütte an der Wildspitze, aber 90cm breite Matratzen, Dusche, WC und auch ordentliche Waschbecken.
Mike, der 53-jährige Bergführer, kam gegen 20 Uhr während eines guten Abendessens.
Frühstück 5 Uhr!
Wir bezahlen noch am Abend die Rechnung - 50 € inklusive Getränke und Bier für Mike
Das war ein sehr guter Preis für alles, aber eben ein Lager.
 
Der 8. September sollte alles bisher Dagewesene übertreffen, nicht wegen der schönen Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels des Gipfelsturmes.
Wir hatten von keiner Schwierigkeit beim Besteigen des Glockners gehört oder gelesen, lediglich Kondition war gefragt und vor starkem Bergsteigerverkehr wurde gewarnt.
Um 3:45 Uhr wurde ich wach, Willi musste raus. Und da wir nun schon mal wach waren, sind wir alle schon 4:30 aufgestanden zur Morgentoilette.
Das frühestmögliche Frühstück nahmen wir gegen 5 Uhr ein, ein wirklich gutes Frühstück.
Danach Anziehen, Reepschnurbinden durch Mike, der mit der praktizierten Karabinerlösung nicht einverstanden war und um 5:45 Uhr war Abmarsch ohne Kopflampe. Aber es war trotzdem fast dunkel. Mit diesem Problem gingen wir über das Geröllfeld. Es wurde langsam hell und wir pausierten kurz um 6:30 Uhr zum Anseilen, aber es gaben immer noch keine Steigeisen.
Erst um 7:30 Uhr kamen auch die Steigeisen dran, aber nur für einen kurzen Teil.
 Bis 8 Uhr ging es an Stahlseilen ohne Steigeisen bis zur Adlersruhe.

   

Kurze Verschnaufpause, wir ahnten noch nichts vom schneefreien Gipfel.
9 Uhr ging es ab Adlersruhe weiter, die Rucksäcke hatten wir in der Hütte gelassen. Warum, haben wir erst später bemerkt.
Über ein nicht zu steiles Schneefeld ging es zügig bis zum Einstieg in den kleiner Glockner.
Von 9:30 bis 10:30 Uhr kam der Hammer.
Nach dem Ablegen der Stöcke und Steigeisen kletterten wir durch die Glocknerscharte zum Großglockner. Klettern war für alle ungewohnt, Willi war der erste nach Mike, der uns sicherte. Er kam wohl am besten mit dem Fels zurecht. Mike äußerte sich einmal abfällig "Das sind Experten". Man musste Tritte suchen für Hände und Beine, dabei teilweise große Spannen überbrücken und es zuckte schon manchmal in den Knochen.
Wie das Willi hingekriegt hat, ist mir ein Rätsel, er ist mindestens 15 Zentimeter kleiner als ich, und ich musste mich schon mächtig strecken. Dazu der ständige Gegenverkehr von Leuten, die vom Glockner zurückkamen. Diese Manöver dauerten lange und waren wohl das unsicherste an der Besteigung. Aber irgendwie habe ich meine Angst in den Griff bekommen.
Wie es dem Chef und Willi ergangen ist, kann ich nicht sagen, sie haben es nicht gezeigt.
Auch die Foto- und Handytechnik machte Probleme. Durch die ständige Berührung mit dem
Fels schaltete sich der Fotoapparat öfter ein. Wenn ich es merkte, musste ich ihn ausschalten.
Schließlich wollten wir noch Strom für das Gipfelbild haben. Mit dem Handy war es noch schlimmer und dazu unbemerkt. Dort muss die Berührung auch noch zu Fehleingaben geführt haben. Jedenfalls ging nach dem Anstieg die PIN nicht mehr, stattdessen wollte er die PUK-Kennzahl haben, die ich ja nicht hatte.
Endlich am Gipfel, aber wir mussten ja wieder zurück und das rückwärts.

   
 
10 Minuten Gipfelaufenthalt. Mike machte Bilder von uns, ich machte einige andere und filmte auch mal kurz. Es kamen erste größere Wolken, Zeit zum Rückmarsch.
Es ging besser als gedacht, diesmal war der Chef der Vorsteiger.

 

Als wir den Grat verließen, waren die Wolken so dicht geworden, dass es keine Fernsicht mehr gab - um 12 Uhr wieder an der Adlersruhe angekommen, war die Hütte selbst kaum zu erkennen, der Nebel kam mit großen Schritten. Kurze Rast und danach hastig weiter.
Gegen 13:45 Uhr kamen wir an der Stüdlhütte an, bei wesentlich schönerem Wetter als oben,
aber die Berge waren im Nebel. Mike wollte sich 14 Uhr mit 2 Aufsteigern treffen, es kam nur einer und der war versiert. Also, Zeit für eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen. Ich hatte keinen Hunger, trank ein Glas Holunderblütensaft. Hunger war in dieser Woche ein eigenartiges Phänomen. Abends wurde gut aber nicht schwerverdaulich gegessen, Frühstück war auch reichlich, aber nicht zu viel. Josef hat früh nur Müsli und Jogurt gegessen, dann erst am Nachmittag Kuchen.
Auch ist er tags mit 1 Liter Wasser ausgekommen.
Meine persönlichen Erfahrungen waren ähnlich. 4 Stunden nach Tourenbeginn kam der erste Riegel dran, aber nicht wegen Hunger, sondern vorsorglich, dann aller 2 bis 3 Stunden der nächste.
Mehr als 3 Riegel pro Tour habe ich nicht benötigt. Dagegen haben wir regelmäßig aller 2 Stunden getrunken, aber ich habe auch nie mehr als 1,3 Liter geschafft, die Restmenge kam dann nach Rück-kehr in Form von Apfelschorle.
Wir bezahlten 3x130 € und stiegen dann 2 Stunden bis Kals ab.
Ich möchte bemerken, meine Knie waren froh, unten angekommen zu sein.
Wir holten unsere Besteigerurkunden für den Großglockner ab und suchten ein preiswertes, ruhiges Hotel. Dieses fanden mit der "Krone" in Großdorf, ein großes Zimmer mit Fernseher, Balkon und ein Bad mit Wanne - das für 30 €.
Nach ausgiebiger Körperpflege ließen wir uns dann das Abendessen schmecken, ich wieder Kaiserschmarrn und verschwanden 21 Uhr in den Zimmern.
Zuvor hatten wir noch die Taktik für den Großvenediger besprochen - wetterbedingt.
 
Der Morgen des 9. September war schön, aber die Berge waren stark in Wolken. Der Wetterbericht stimmte wohl, denn es sollte am Tage zuziehen und gewittrig werden.
Also, 8:30 Uhr Abfahrt zum Ansehen des Einstiegs Großvenediger und dann nach Hause.
In Hinterbichl, dem letzten Ort im Tale geht eine Straße bis zu einen Holzplatz auf 1485 Meter. Dort kann man sein Auto abstellen und 2,5 Stunden zur Johannishütte auf 2121 Meter laufen oder mit dem Hüttentaxi gefahren werden. Von dort aus wiederum 2,5 Stunden bis zum Defreggenhaus auf 2962 Meter. Dann könnte man weitere 2,5 Stunden auf den Großvenediger auf 3666 Meter steigen. Der Berg selbst soll ähnlich dem Cevedale sein, bis oben vergletschert aber ohne Probleme.

    
 
Nun ja, beim nächsten Mal vielleicht.
Die weitere Fahrt ging dann über Kitzbühel nach Kufstein, der "Perle Tirols", einem wirklich
kleinen Städtchen, wovon wir nach einer Stunde Stadtbesichtigung uns auf die Inntalautobahn nach Hause machten.
Es rollte wesentlich besser als für Freitag angenommen und wir kamen gegen 20 Uhr wieder in Mittelsachsen an.
Ich war des Dankes voll. Chef und Willi, weil sie es riskiert hatten, mit einem Neueinstieger solche Tage zu riskieren, meiner Ehefrau, die mir das Vertrauen geschenkt hatte, nicht leitsinnig zu sein.
Würde es für mich: "Auf ein Neues im Jahre 2006" heißen?
Laut Chef sollte 2006 der Mont Blanc fallen!? Er fiel nicht, weil am Ende der Vorbereitung Josef keine Zeit hatte und das Wetter uns auch nicht hold sein würde ....
 
Aber: Ich hatte "Blut" geleckt - es sollte eine Sucht werden!

 
 
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